Pflanzenwirkstoffe für unsere Kosmetik

Passionsfruchtsamenextrakt in der Pipette

Wässrig-ethanolische Pflanzenextrakte herstellen

Um Wirkstoffe aus Pflanzen nutzen zu können, extrahieren wir sie mit Hilfe verschiedener  Lösungsmittel. Da wir das jeweilige Auszugsmittel in der Regel im Pflanzenextrakt belassen und nicht abdestillieren, sollte dies ungiftig und hautverträglich sein. In unserem Fall bieten sich daher vor allem Ethanol (Trinkalkohol, Weingeist), Glykole wie Pentylene Glycol sowie Glycerin als Auszugsmittel an. Im Folgenden gebe ich einen kurzen Überblick über bekannte Methoden, wässrig-ethanolische Pflanzenextrakte herzustellen.

Ein großer Vorteil wässrig-ethanolischer Extraktionen ist, dass sie – bedingt durch die flexibel einstellbare Polarität der Mischung aus Wasser und Ethanol – ein breites Spektrum an pflanzlichen Inhaltsstoffen lösen können:
Wasser ist ideal für hochpolare Substanzen wie Polysaccharide, z. B. Schleimstoffe, viele organische Säuren und einige Glycoside sowie wasserlösliche Vitamine und Flavonoide. Zudem macht es – wenn es nicht zu hoch dosiert ist – durch Quellung der Zellwände das Zellinnere besser zugänglich.

Ethanol ist geringer polar und löst sehr gut niedrigpolare bzw. lipophile (fettlösliche) Inhaltsstoffe wie ätherische Öle, Terpene und Sesquiterpene, Carotinoide, Wachse, Harze und lipophile Flavonoide. Zudem minimiert ein höherer Ethanol-Anteil die Hydrolyse empfindlicher lipophiler Komponenten.

In Mischung können mit einem wässrig-ethanolischem Lösungsmittel sehr gute Extraktionen erreicht werden, da hier Zellwandpermeabilität, Löslichkeit und Stabilität in einem günstigen Verhältnis liegen.

Ein weiterer Vorteil ist: Wässrig-ethanolische Extrakte konservieren sich quasi selbst. Länger als ein Jahr sollten sie dennoch in der Regel nicht lagern, auch wenn sie nicht im chemischen Sinne »schlecht« werden können: Die enthaltenen Wirkstoffe unterliegen (vor allem wenn Sie Frischpflanzenextrakte herstellen) gewissen Oxidations- und enzymatischen Abbauprozessen. Planen Sie daher gut und verarbeiten Sie nur die Mengen, die Sie voraussichtlich in einem Jahr verbrauchen – auch das ist Respekt vor der Natur und ihren Ressourcen.

Ein weiterer Vorteil ist das breite Spektrum an Wirkstoffen, die Alkohol löst. Im Vergleich zu rein wässrigen Auszügen werden konzentrationsabhängig höhere Anteile an lipophilen (fettlöslichen) Bestandteilen extrahiert, dazu gehören z. B. viele Flavonoide und Carotinoide; aber auch Alkaloide, Glycoside, Saponine, einige Bitterstoffe und ätherische Öle sind durch verdünnten Alkohol extrahierbar. Ein gewisser Anteil an Wasser wird benötigt, um die Zellwände der Drogen aufzuquellen und das Zellinnere besser zugänglich zu machen. Ein zu hoher Wasseranteil kann eine zu starke Quellung hervorrufen und damit die Extraktion behindern. Wir arbeiten daher mit verdünnten wässrig-ethanolischen Lösungen als Auszugsmittel.

Der Begriff »Extrakt« ist ein übergeordneter Begriff für Auszüge aus Pflanzen- (bzw. tierischem) Material mit unterschiedlichen Lösungsmitteln und wird vor allem im kosmetischen Einsatzbereich verwendet. Im pharmazeutischen Kontext gemäß Ph. Eur. spricht man bei ethanolischen Auszügen aus getrocknetem Pflanzenmaterial von einer Tinktur.

Wässrig-ethanolische Auszüge
aus getrockneten Pflanzen

Getrocknete Kräuter (von links: Mäusedornwurzel, Lindenblüten, Süßholzwurzel
Von links nach rechts: Mäusedornwurzeln, Lindenblüten, Süßholzwurzeln

Getrocknete Pflanzen haben verschiedene Vorteile gegenüber frischen Pflanzen. Ein großer, vor allem pragmatischer Vorteil ist, dass sie auch außerhalb ihrer Vegetationszeit für Auszüge zur Verfügung stehen. Daneben erweitern sie das Repertoire an nutzbaren Pflanzen um nichtheimische, die wir nicht frisch ernten können. Da sie keinen oder nur einen minimalen Restwasseranteil aufweisen, liegen die Inhaltsstoffe (auf das Gewicht einer bestimmten Menge an Pflanzenmaterial bezogen) konzentrierter und teilweise in kristalliner Form vor. Zudem finden keine enzymatischen Prozesse mehr statt, die zu einem Abbau sensibler Inhaltsstoffe führen können.
Auf der anderen Seite müssen wir durch das Trocknen immer mit einem gewissen Verlust an flüchtigen Substanzen rechnen. Eine große Rolle für die Qualität des getrockneten Pflanzenmaterials spielt dabei der Trocknungsprozess selbst: Er muss schonend, gut belüftet und möglichst schnell erfolgen, jedoch ohne hohe Temperaturen und nicht lichtexponiert.

Frischpflanzenauszüge

Der Frischpflanzenauszug wird – wie der Name bereits aussagt –  auf Basis frischer Pflanzen hergestellt wird. Hier ist die Auswahl des frischen Pflanzenmaterials an jahreszeitabhängige und lokale Verfügbarkeit geknüpft. Vorteile des Frischpflanzenauszugs sind die Vollständigkeit des nativen Stoffprofils der jeweiligen Pflanze und der weitgehende Erhalt duftender Komponenten. Allerdings ist die enzymatische Aktivität im frischen Pflanzenmaterial – und damit die Gefahr hydrolytischer und oxidativer Prozesse – sehr hoch. Da Frischpflanzen einen Eigenanteil an Wasser aufweisen, weist der fertige Pflanzenauszug zudem einen höheren Wasser- und einen niedrigeren Ethanolgehalt auf. Auch werden eventuell verstärkt unerwünschte Stoffe wie z. B. Chlorophyll oder Proteine extrahiert.

Relevanz hat ein durch die Frischpflanzenextraktion bedingter niedriger Ethanolgehalt im kosmetischen Einsatz dann, wenn wir mit dem Extrakt konservieren und die Einsatzkonzentration des Ethanols in Volumenprozent auf das Gesamtprodukt (einer Salbe, Creme o. ä.) berechnen wollen. Behelfen können Sie sich, indem Sie den effektiven Ethanol-Anteil 10–20 % höher wählen, um die reale Verdünnung durch Pflanzenwasser zu kompensieren. Zusätzlich können Sie das konservierende System mit einem handelsüblichen Produkt (z. B. Dermosoft® 1388 eco oder Pentylenglycol Green) unterstützen.

Die Alkoholkonzentration

Ethanol mit 70 Vol.-%. hat sich als Standard für viele pflanzliche Drogen bewährt: Diese Konzentration deckt ein breites Spektrum an löslichen Wirkstoffen ab und verhindert ein zu starkes Aufquellen der Zellwände. In der Herstellung von naturkosmetischen Emulsionen hat dieser Verdünnungsgrad einen weiteren Vorteil: Da Pflanzenextrakte in der Regel in die erkaltete Emulsion gegeben werden, ist bei einer 70%igen Tinktur die Menge an kalter Flüssigkeit gering, und die Emulsionen bleiben in der Regel stabil. Arbeiten Sie mit (z. B.) 40%igen Extrakten, kann der Anteil an kalt einzuarbeitender wässriger Phase so groß sein, dass die Emulsion eventuell instabil wird oder das Wasser nicht mehr vollständig aufnimmt.

Sinnvoller ist es allerdings, die Ethanol-Konzentration in Abhängigkeit von der Pflanze, dem Pflanzenteil und ihrem Zustand – frisch oder getrocknet – vor allem jedoch im Hinblick auf die Substanzen zu wählen, die extrahiert werden sollen.

Man kann jede Pflanzenextraktion vereinfacht auf drei Parameter reduzieren:

  • Polarität der Zielstoffe | Kernfrage ist: Welche Stoffe sollen bevorzugt extrahiert werden? Wie ist das »Zielprofil« des Extrakts?
    Stark polare Substanzen benötigen einen hohen Wasseranteil, mittel- bis niedrigpolare einen höheren Ethanolanteil.
  • Die Härte der Pflanzenmatrix | Kernfrage ist: Wie leicht sind die Stoffe aus dem Gewebe zugänglich?
    Harte Pflanzenteile benötigen mehr Wasser, um ausreichend aufzuquellen und Zugang zum Zellinneren zu gewähren; eine weiche Pflanzenmatrix benötigt weniger Wasser.
  • Oxidationssensivität | Kernfrage ist: Welche Stoffe müssen vor Oxidation, Hydrolyse oder Wärme geschützt werden?
    Um Enzyme zu inaktivieren, ist eine höhere Ethanolkonzentration notwendig. Bei niedriger Aktivität reichen mittlere Konzentrationen aus.

Abhängig vom Pflanzenteil werden in der Literatur folgende alkoholische Konzentrationen empfohlen:

  • Blüten, Blätter: 30–55 Vol.-%
  • Wurzeln/verholzte Teile: 55–70 Vol.-%
  • Harze: 70–95 % Vol.-%

Im Hinblick auf Wirkstoffgruppen bieten folgende Alkohol-Konzentrationen in der Regel eine gute Orientierung:

  • Schleimstoffe, Glycoside, Saponine, Alkaloide: ca. 30–40 Vol.-%
  • Bitterstoffe, Gerbstoffe: ca. 30–50 Vol.-%
  • Flavonoide: ca. 50 Vol.-%
  • Ätherische Öle, Cumarine, Scharfstoffe: 50–70 Vol.-%

In den Pflanzenportraits habe ich Ihnen jeweils eine Empfehlung der Alkoholkonzentration ergänzt, die Pflanzenteil und Inhaltsstoffe berücksichtigt.

Wichtig ist, dass der Ansatz mehrmals täglich (gerne mehrere Minuten) bewegt wird, um die Wirkstoffe aus dem Pflanzenmaterial zu lösen; leichte (!) Wärme beschleunigt diesen Prozess. Nach einer gewissen, erstaunlich kurzen Zeit ist ein Konzentrationsgleichgewicht der Inhaltsstoffe zwischen Droge und wässrig-ethanolischer Lösung erreicht; längere Auszugszeiten oder ein zweifacher Ansatz machen daher keinen Sinn. Wer konzentriertere Extrakte wünscht, kann dies durch Abdestillieren des Ethanols erreichen, das jedoch ein gewisses Equipment erfordert.

In verschiedenen Quellen werden unterschiedliche Auszugszeiten genannt. Pharmazeutisch orientierte Fachquellen nennen wenige Minuten (5 Minuten bei einer kontinuierlichen Zerkleinerung der Droge mit einem Stabmixer über diese Zeit, der so genannten Turbo- oder Wirbelextraktion, bis wenige Tage als Dauer für eine erschöpfende Extraktion)3. Auf Pflanzenextrakte spezialisierte Firmen extrahieren oft in Systemen mit kontinuierlicher Bewegung; hier sind Extraktionszeiten von wenigen Stunden Standard. Wer zuhause einen Magnetrührer hat, kann diesen z. B. nutzen, um den Extraktionsprozess zu beschleunigen. Auch wenn diese Beschleunigung im kommerziellen Kontext (auch) einen ökonomischen Grund haben dürfte: Kurze, intensive Extraktionszeiten minimieren oxidative Prozesse und schützen sensible Inhaltsstoffe, sie dienen daher primär der Qualitätssicherung.

Längere Auszugszeiten, das Auszugsgut gar in der Sonne stehend, beschleunigen oxidative und enzymatische Abbauprozesse und gelten heute als nicht mehr zeitgemäß.

Erfordern frische oder getrocknete Pflanzen andere Ethanolkonzentrationen?

In der Literatur gibt es im Hinblick auf frisches und getrocknetes Pflanzenmaterial unterschiedliche Ansätze:

Rudi Beiser und Helga Ell-Beiser empfehlen für Auszüge aus getrocknetem Pflanzenmaterial z. B. geringere Ethanolkonzentrationen, da getrocknete Pflanzen ihrer Ansicht nach einen höheren Wasseranteil zum Aufquellen benötigen als Frischpflanzen [1]. Entscheidend ist bei dieser Position die Pflanzenstruktur, das heißt ihre Matrix, aus der extrahiert werden soll.

Sigfried Bäumler orientiert sich an den wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffen der jeweiligen Pflanze und unterscheidet nicht zwischen Tinkturen aus getrockneten Pflanzen und Frischpflanzenauszügen [2]. Entscheidend ist bei seiner Position die gewünschte Zielsubstanz, die extrahiert werden soll.

Die aktuelle Forschung betrachtet die Komponenten Ethanol und Wasser unter dem Aspekt, dass sie eine kontinuierliche Lösungsmittel-Mischung mit frei bestimmbarer Polarität darstellen, kurz: Die Extraktionsausbeute wird primär durch die Lösungsmittelpolarität bestimmt, nicht durch den Wassergehalt der Pflanzenmatrix. Aktueller wissenschaftlicher Konsens ist: Die optimale Ethanolkonzentration zielt auf das Profil der gewünschten Inhaltsstoffe und auf das, was man »Extraktionskinetik« nennt: Wie schnell ein Stoff aus der Pflanzenmatrix gelöst wird und ab wann keine weiteren Stoffe mehr gelöst werden. Der Frisch- oder Trockenzustand ist dabei nicht unwichtig, aber eher sekundär.

Herstellung der gewünschten Verdünnung

Wie Sie Alkohol auf einen gewünschten Wert verdünnen können, habe ich in diesem Beitrag in der Rubrik »Tipps und Tricks« beschrieben. Mein Konservierungsmittel-Rechner hilft Ihnen bei dem Berechnen der notwendigen Mengen an Ethanol und Wasser, um eine gewünschte Ethanol-Konzentration zu erhalten.

Nun stellen sich wichtige Fragen: wieviel Droge gebe ich auf welche Menge Alkohol? Wie lange muss ich die Pflanzenteile extrahieren lassen? Wie kann ich die Wirkstoffausbeute erhöhen? Je nachdem, was wir extrahieren wollen, kann es unterschiedliche Szenarien geben, die im Wesentlichen folgende vier Faktoren variieren, wobei alle Faktoren in Wechselwirkung mit einander stehen (je wärmer der Auszug erfolgt, je kleiner das Pflanzenmaterial zerkleinert ist, desto kürzer ist die Auszugsdauer):

  1. Konzentration der Extraktionsflüssigkeit
  2. Dauer der Extraktion
  3. Zerkleinerungsgrad der Pflanzendrogen
  4. Temperatur während der Extraktion

Herstellung eines wässrig-alkoholischen Auszugs

  1. Sortieren Sie (gerade bei frischen Drogen) alle bräunlichen, welken und optisch nicht mehr einwandfreien Teile aus. (Gekaufte Drogen sind oft bereits ausreichend zerkleinert.) Bei frischen Pflanzen ist es vorteilhaft, sie einige Stunden bis einen Tag anwelken zu lassen, da sie dann nicht mehr soviel Wasser beinhalten.
  2. Zerkleinern Sie die Pflanzen anschließend, unabhängig davon, ob sie frisch oder getrocknet sind. Kleinere Pflanzenteile bedeuten aufgebrochene Zellen, die dem Lösungsmittel sofort zugänglich sind, sie können sofort ausgewaschen werden. Zudem kann das Lösungsmittel die Zellwände gut benetzen, quellen und ins Innere der Zellen gelangen, um die dort befindlichen Zellinhaltsstoffe herauszulösen. Dies gelingt optimal in einem Porzellanmörser. Geben Sie hier bereits einen kleinen Teil des Lösungsmittels hinzu, damit die Pflanzenteile direkt benetzt (und besser vor Sauerstoff geschützt) sind.
  3. Setzen Sie anschließend die Drogen mit dem Rest der wässrig-ethanolischen Lösung in einem dunklen Glas an und lassen Sie sie bei Raumtemperatur (ca. 20–25 °C) für ca. 5–7 Tage stehen. Die Pflanzenteile müssen gut bedeckt sein. Wichtig: Bewegen Sie das Glas (schwenkend, rotierend) mehrmals täglich, um die enthaltenen Wirkstoffe optimal aus dem Pflanzenmaterial zu lösen. Die Inhaltsstoffe konzentrieren sich dicht um das Pflanzenmaterial und mindern den Kontakt mit ungesättigtem Lösungsmittel – daher ist es sehr wichtig, die Mischung zu bewegen. Wieviel Pflanzendroge und wieviel Lösungsmittel Sie benötigen, wird in einer Formel ausgedrückt, dem Droge-Extrakt-Verhältnis (kurz DEV). In der Regel nehmen wir auf einen Teil Pflanzen 5 bis 10 Teile Lösungsmittel, das sind DEV-Werte 1:5 und 1:10.
    Den Hinweis, Pflanzenextrakte in die Sonne zu stellen, habe ich in seriösen Quellen nicht gefunden. Vereinzelt werden höhere Temperaturen als prozessfördernd genannt (teilweise bis ca. 60 °C). In der pharmazeutischen Fachliteratur wird jedoch dringend von zu warmer und heller Lagerung abgeraten, da sich Substanzen unter Licht- und Wärmeeinfluss enzymatisch zersetzen.
  4. Filtern Sie den Auszug sorgfältig, eventuell erst durch ein Gaze-Tuch, anschließend durch einen Kaffeefilter, um alle Schwebstoffe zu entfernen. Während bei pharmazeutischen Tinkturen für die innerliche Einnahme geringe Mengen an Schwebstoffen unkritisch sind, sollten kosmetisch genutzte Pflanzenextrakte abschließend durch eine Glasnutsche gefiltert werden (Laborbedarf, nähere Erläuterungen folgen weiter unten), die Schwebstoffe vollständig entfernt. Füllen Sie den fertigen Auszug in dunkle Flaschen und beschriften Sie sie. Sinnvoll ist die Angabe der Pflanze(n), die Alkoholkonzentration (auch um die spätere Konservierung von Rezepturen zu berechnen) und das Datum der Herstellung. Für die Verwendung in den Formulierungen haben sich dunkle Pipettenfläschchen oder Flaschen mit Tropfeinsatz bewährt, mit denen sich die benötigten Mengen (je nach Viskosität des Auszugs) gut dosieren lassen.

Extrakte im pharmazeutischen Kontext sind übrigens konzentrierte Auszüge, bei denen das Lösungsmittel z. T. oder vollständig entfernt wird. Sie liegen dann flüssig (Extractum fluidum), zähflüssig (Extractum spissum) oder trocken (Extractum siccum) vor.

Das Droge-Extrakt-Verhältnis

Das sogenannte Droge-Extrakt-Verhältnis (kurz DEV) wird in einer Formel berechnet. »Droge« ist das zu extrahierende Pflanzenmaterial, Extrakt meint das fertige Produkt. Die Formel berechnet sich wie folgt:

DEV = Masse der Droge : Masse des Extrakts

Wenn wir beispielsweise 20 g Pflanzenmaterial für 100 g Extrakt einsetzen, haben wir ein Droge-Extraktverhältnis von 20:100. Nun dividieren wir durch die Masse der Droge, hier also »20«:

  • 20:20 = 1,
  • 100:20 = 5

Das DEV beträgt in diesem Fall 1:5. Die Entscheidung, welchen DEV-Wert wir verwenden, ist vom gewählten Pflanzenmaterial abhängig. Wichtig ist, dass dieses vom Lösungsmittel bedeckt ist.

Durchführen einer Turboextraktion

Eine qualitativ ausgezeichnete und fast erschöpfend extrahierende Methode ist die oben kurz genannte Turboextraktion, für die Sie einen Stabmixer benötigen. Die Turboextraktion bringt in der Regel erschöpfendere Ergebnisse als mehrwöchige Ansätze3.

Turboextraktion von Jiaogulan
Frischer Turboextrakt

Dieser frisch hergestellte Turboextrakt ist durch die Schwebstoffe und feinsten Pflanzenpartikel trübe. Turboextrakte müssen gut gefiltert werden; dafür erhält man eine ausgezeichnete Ausbeute aus dem Pflanzenmaterial. Manche Extrakte schäumen durch die enthaltenen Saponine. In der Pharmazie werden Turboextraktionen über mehrere Minuten durchgeführt. Meine Erfahrung ist, dass eine Zerkleinerung über 2–3 Minuten ausreicht, insbesondere in Kombination mit einer 24-stündigen Folgemazeration.

  1. Füllen Sie die wie oben beschrieben gesäuberten Pflanzendrogen im Verhältnis 1:5 bis 1:10 mit dem wässrig-alkoholischen Auszugsmittel in ein Becherglas und stellen Sie dieses in einen mit kaltem Wasser befüllten Topf.
  2. Setzen Sie den Stabmixer in das Glas (die Größe des Becherglases sollte im Durchmesser dem des Stabmixers angepasst sein, damit nichts herausspritzt) und beginnen Sie vorsichtig mit dem Mixen.
  3. Mixen Sie in kurzen Intervallen 2–3 Minuten; durch das Zerschneiden der pflanzlichen Drogen und der Wirbelung des Ansatzes kann das wässrig-alkoholische Auszugsmittel alle Zellen durchdringen und die Inhaltsstoffe herauslösen. Das kalte Wasserbad verhindert ein Erwärmen über 35 °C.
  4. Anschließend wird der Extrakt gut abgedeckt ca. 24 Stunden stehen gelassen, damit sich die Schwebstoffe am Boden absetzen (sedimentieren). Gießen Sie nun vorsichtig die über dem Bodensatz stehende Flüssigkeit ab (dekantieren Sie sie) und filtern Sie die Flüssigkeit erst durch einen Papierfilter, dann durch eine Glasnusche (siehe unten). Anschließend wird der Extrakt abgefüllt und entsprechend beschriftet.
  5. Nach 24 Stunden können Sie den klaren Extrakt über der sedimentierten Pflanzenmasse dekantieren und durch einen Papierfilter (z. B. durch einen Bücherntrichter) filtern, diesen anschließend ein weiteres Mal optimal durch eine Glasnutsche. Den Rest des »Pflanzenschlamms« gebe ich in einen Papierfilter, decke ihn ab und lasse ihn 24 Stunden durchtropfen. Mit dem gefilterten Extrakt verfahre ich wie mit dem vorab dekantierten und gebe beide zusammen.

Noch konzentrierter wird die Turboextraktion, wenn sie die pflanzlichen Drogen zweimal mit jeweils der Hälfte des Auszugsmittels extrahieren: nach den ersten 2–3 Minuten wird das Pflanzengut ausgepresst und mit der 2. Hälfte des Extraktionsmittels erneut extrahiert; beide Ansätze gibt man anschließend zusammen. Das frische, ungesättigte Lösungsmittel holt noch vorhandene Substanzen aus dem pflanzlichen Extraktionsgut und extrahiert nahezu erschöpfend. Ich selbst habe offen gestanden Probleme mit der halbierten und damit geringen Flüssigkeitsmenge – daher extrahiere ich selbst lediglich einmal.

Meine Erfahrung ist, dass die Turboextraktion eher für einen Ansatz mit einem DEV von 1:10 geeignet ist und für Ansätze mit mindestens 100 ml Lösungsmittel, damit alles vom Stabmixer erfasst werden kann. Durch die extreme Zerkleinerung des Pflanzenmaterials bleibt relativ viel Flüssigkeit im »Pflanzenschlamm« zurück, der Verlust an Extrakt ist daher größer als bei der klassischen Mazeration.

Weitere Auszugsmethoden

Infus (Aufguss)

Eines dieser »Lösungsmittel« verwenden Sie sicher regelmäßig (denken Sie an Ihre entspannende Tasse Tee): Wasser. Die Pflanzenteile werden mit kochendem oder heißen Wasser übergossen und zugedeckt 5–10 Minuten ziehen gelassen. Welche Temperatur das Wasser haben muss, ist pflanzenspezifisch: einige sollen mit heißem, nicht mehr kochendem Wasser zubereitet werden, um wertvolle Inhaltsstoffe nicht zu zerstören, wie z. B. Grüntee oder Spitzwegerich. Diese Form der Extraktion wird auch Infus genannt. Ein Infus eignet sich für feine Pflanzendrogen mit eher milder Wirkung und breitem therapeutischen Wirkungsspektrum. Der Nachteil eines wässrigen Auszugs ist seine geringe Stabilität, zum einen im Hinblick auf die darin gelösten Wirkstoffe, zum anderen im Hinblick auf die Haltbarkeit, da sich Bakterien in Wasser sehr schnell vermehren. Für kosmetische Zwecke eignen sich wässrige Lösungen daher nur als Frischanwendung, z. B. für Masken und Kompressen.

Dekokt (Abkochung)

Härtere Pflanzenteile (z. B. Wurzeln und Rinden) oder solche mit schwer löslichen Bestandteilen (Kieselsäure im Ackerschachtelhalm) werden mit kaltem Wasser angesetzt, zum Sieden gebracht und 10–15 Minuten leicht gekocht. Anschließend filtriert man den Sud. Auch eine Abkochung ist ohne weitere Konservierung nur kurz haltbar. Flüchtige Wirkstoffe gehen bei der Abkochung verloren. Auch Irisches Moos (Chondrus Crispus) wird als Decoctum verwendet.
Bei kieselsäurehaltigen Pflanzen (z. B. Ackerschachtelhalm) hat sich ein Mazerationsdekokt, ein Einweichen über Nacht in kaltem Wasser bewährt; am nächsten Tag wird der Ansatz 10–30 Minuten lang gekocht und dann gefiltert.

Mazerat (Kaltauszug)

Für schleimhaltige Drogen (Eibischwurzeln z. B. oder Quittensamen) eignet sich der Auszug in kaltem Wasser. Die Droge wird mit kaltem Wasser übergossen und mehrere Stunden oder über Nacht (bei Raumtemperatur) stehen gelassen. Regelmäßiges Umrühren fördert die Ausbeute. Anschließend wird das Mazerat gefiltert.

Kaltauszüge wird man auch dann bevorzugen, wenn durch heißes Wasser unerwünschte Bestandteile gelöst würden. Auch hier gilt: Kurze Haltbarkeit. Es empfiehlt sich, das Mazerat vor Verwendung kurz aufzukochen, da es sehr schnell verkeimt.

Pflanzenextrakte dosieren

Pflanzliche Extrakte sind konzentrierte Auszüge und enthalten intensiv wirkende Substanzen, die das gewünschte Wirkspektrum unserer Pflegeprodukte sanft unterstützen sollen. Dosieren Sie sie mit Bedacht. Mehr als 5 % (auf die Gesamtmenge an Produkt bezogen) sollten Sie nicht einplanen. Dies ist gleichzeitig eine Ethanolkonzentration, die auch trockene und barrieregestörte Haut nicht beeinträchtigen wird.

Quellen

  1. Rudi Beiser, Helga Ell-Beiser: Heilpflanzentinkturen. Wirksame Pflanzenauszüge selbst gemacht. Ulmer, 2017
  2. Siegfried Bäumler: Heilpflanzen Praxis heute. Band 2: Rezepturen und Anwendung. Urban & Fischer, 2013
  3. Rudolf Voigt: Pharmazeutische Technologie. Stuttgart: Deutscher Apotheker-Verlag, 2006
  4. M. Augustin und Y. Hoch, Phytotherapie bei Hauterkrankungen. München: Urban & Fischer 2004
  5. Ursel Bühring: Praxis-Lehrbuch der modernen Heilpflanzenkunde. Grundlagen, Anwendung, Therapie. Stuttgart: Sonntag-Verlag, 2004
  6. R. Hänsel, O. Sticher: Pharmakologie – Phytopharmazie. Heidelberg: Springer, 2010
  7. Michael Heldmaier: Phytochemische Charakterisierung öliger Extrakte aus pflanzlichen Drogen. Dissertation. Hamburg, 2007
Autorenbild © Heike Käser | Olionatura®