Grafik des Spreitmodells

Das Spreitmodell von Olionatura

Dossier »Öle kombinieren« · Teil 2

Ein wichtiger Faktor, der die Zusammenstellung einer Ölkombination in einer naturkosmetischen Formulierung prägt, ist das Spreitverhalten pflanzlicher Lipide. Das Spreitverhalten beschreibt ihr Verhalten, sich nach dem Auftragen auf der Haut von selbst auszubreiten. Mein 2009 entwickeltes naturkosmetisches Spreitmodell bietet eine gute Systematik, um pflanzliche Öle und Buttern mit Blick auf gewünschte Eigenschaften des kosmetischen Endprodukts zu kombinieren. In diesem Beitrag stelle ich Ihnen das Spreitmodell vor und erläutere, wie Sie es sinnvoll für Ihre individuellen Kompositionen nutzen können.

In der kosmetischen Industrie ist der Spreitwert einer Lipidkomponente ein wesentlicher Faktor für die Konzeption von Emulsionen, die den Verbraucher-Erwartungen entsprechen: Sie sollen sich angenehm auftragen lassen und im Hautgefühl leicht und kaum fettend wirken, zudem wird ein lange anhaltendes Glättegefühl auf hohem Niveau gewünscht. Um eine Rezeptur zu optimieren, können Öle nach ihrem Spreitverhalten kombiniert werden. So gewährleistet eine Emulsion, die aus schnell, mittel und langsam spreitenden Ölen zusammengesetzt ist, ein angenehmeres Auftragsverhalten und Hautgefühl als Emulsionen aus nur einem Öl sowie intensivere, länger anhaltende Pflege. Dr. Achim Ansmann hat dafür den Begriff der Spreitkaskade geprägt. Rezepturen, die nicht alle »Spreiter« berücksichtigen, weisen in der Regel eine Spreitlücke auf, d. h. es fehlt eine Komponente mit einer spezifischen Wirkung, die die Dauer oder Schnelligkeit des Glättegefühls bestimmt, sich jedoch auch haptisch bemerkbar macht.

Der Spreitwert berechnet sich aus der Fläche in Quadratmillimetern, die eine bestimmte Menge einer Ölkomponente innerhalb von 10 Minuten bedeckt, er lässt sich folglich nur für bei Raumtemperatur flüssige Fette ermitteln. Wesentliche Faktoren für gute Spreiteigenschaften eines Öls sind (neben anderen) Viskosität und Oberflächenspannung: Lipide mit niedriger Viskosität und geringer Oberflächenspannung breiten sich schneller auf der Unterlage aus als hochviskose Öle. Folgende Grafik soll die Fähigkeit des Spreitens in Abhängigkeit von Viskosität und Oberflächenspannung visualisieren:

Spreiten eines Öltropfens auf einer Oberfläche, abhängig von der Oberflächenspannung
Spreiten eines Öltropfens auf einer Oberfläche, abhängig von der Oberflächenspannung

Die beiden Modelle von Dr. U. Zeidler¹ und von Dr. Achim Ansmann² beziehen sich primär auf industriell konzipierte Emulsionen. Native pflanzliche Öle sind, verglichen mit den gezielt komponierten Estern und Mineralölderivaten der konventionellen Kosmetikindustrie, bis auf wenige Ausnahmen gemäß dieser Einteilung niedrig-, also langsam spreitend und fetten haptisch deutlich stärker als leichte, synthetische Lipide. Daraus resultiert u. a. die Schwierigkeit im Naturkosmetik-Sektor und als »Selbstrührer«, viskose Cremes mit angenehm leichter, nicht oder wenig fettender (»klebender«) Haptik zu erzeugen – hier fehlen superleichte, hochspreitende Ester, die die konsistenzgebenden Fettalkohole und Emulgatoren im Auftragsverhalten ausgleichen und die Gesamtformulierung geschmeidiger, leichter wirken lassen.

Aus dem persönlichen Austausch mit Dr. Achim Ansmann habe ich ein naturkosmetisch orientiertes Modell entwickelt, das pflanzliche Öle nach eigenen Kriterien kategorisiert. Neu in diesem Modell ist u. a. die Entscheidung, pflanzliche Buttern in die Systematik mit hineinzunehmen, auch wenn sie bei Zimmertemperatur nicht flüssig sind. Der Grund ist, dass unserer naturkosmetischen Formulierungen pflanzlichen Buttern als pflegende, kosmetische Lipidkomponente einen hohen Stellenwert zuschreiben und wir sie gleichberechtigt neben Ölen einsetzen, teilweise (wie in Oleogelen oder »Bodybutter«, aber auch in Emulsionen) in sehr hohen Konzentrationen.

Im Gegensatz zu Rezepturen mit synthetischen Lipiden gewährleistet eine Spreitkaskade mit pflanzlichen, nativen Ölen nicht lediglich ein oberflächlich angenehm und langanhaltend wirkendes Glättegefühl, sondern ermöglicht, die Emulsion hinsichtlich ihrer pflegenden Eigenschaften zu planen, da sie unterschiedliche Fettsäuren und Fettbegleitstoffe beinhaltet. Konkrete Hilfe bei der Planung von Spreitkaskaden mit pflanzlichen Ölen finden Sie in meiner Beschreibung geeigneter Ölkombinationen.

Das Spreitmodell

Da unsere selbst gemachte Naturkosmetik im Kern auf native Öle setzt, macht es Sinn, eine eigene, auf naturkosmetisch geeignete Lipidkomponenten zugeschnittene Systematik zu entwickeln, die den charakteristischen Eigenschaften dieser natürlichen pflanzlicher Öle Rechnung trägt und die Unterschiede im Spreitverhalten innerhalb der gegebenen Varianzen kategorisiert. Ausgehend von den uns verfügbaren Lipiden mit sehr hohem Spreitwert können wir unsere Öle gemäß vorhandener »Sprünge« im Spreitverhalten in eine eigenständige Systematik fassen. Die Zuordnung der Öle in den Ölportraits orientiert sich nach diesem neuen, speziell auf naturkosmetische Formulierungen ausgerichteten Spreitmodell von Olionatura®, das ich Ihnen im Folgenden erläutere:

Hochspreitende naturkosmetische Lipide

Hoch (schnell) spreitende Öle

Hochspreitende Öle (»schnelle Spreiter«) verteilen sich sehr gut, dringen rasch in die Vertiefungen der Hautoberfläche ein und erzeugen ein schnelles Glättegefühl, das jedoch ebenso schnell wieder auf das alte Niveau zurückfällt. Angenehm ist die kaum fettende, sehr leicht wirkende Haptik einer Emulsion bei einem höheren Anteil an schnell spreitenden Lipiden. Diese Öle werden bevorzugt für niedrigviskose Lotionen, Cremegele, Haut- und Badeöle, Handcremes und andere haptisch »trockenere« Formulierungen eingesetzt.

Zu dieser Gruppe gehören u. a. Squalan, Neutralöl, Babassuöl, Kokosöl und andere Öle mit (im kosmetischen Sinne) kurzen/mittleren gesättigten C-Ketten, primär C8:0–C14:0.
Auch naturkosmetikkonforme Ester- und Etheröle pflanzlicher Herkunft können genutzt werden, z. B. MCT-Glyceride (Neutralöl), Dermofeel® sensolv (Isoamyl Laurate) oder Lexfeel® Natural (Heptyl Undecylenate). Ihre Spreitfähigkeit ist ungleich höher als die natürlicher Öle.

Niedrigspreitende naturkosmetische Lipide

Langsam (niedrig) spreitende Öle

Niedrigspreitende Öle (»langsame Spreiter«) führen zu einem deutlich geringer ausgeprägten Glättegefühl, das jedoch lange anhält. Sie werden bevorzugt für Nachtcremes, Babypflege, Hautcremes und rückfettende Präparate eingesetzt. Ihre geringe Spreitfähigkeit prädestiniert sie für Pflegepräparate am Auge – sie kriechen nicht in die empfindlichen Schleimhäute. Ihr haptisches Fettungsvermögen ist ausgeprägt.

Zu dieser Gruppe zählen Pflanzenbuttern und Öle mit langen, gesättigten C-Ketten (ab C18:0), Sheaöl, Shea paradoxa subsp. nilotica.

Mittelspreitende naturkosmetische Lipide

Mittel spreitende Öle schließen die Spreitlücke

Mittel spreitende Öle (»mittlere Spreiter«) verteilen sich gut, zeigen ein angenehmes Einziehverhalten und glätten über einen deutlich längeren Zeitraum. Sie füllen kosmetisch die Lücke zwischen niedrig- und hochspreitenden Lipiden und können daher eine breite Palette an Produkten bedienen. Der Grad ihrer haptischen Fettung liegt im mittleren Bereich.

Zu dieser Gruppe gehören alle Öle mit (im kosmetischen Sinne) langen, primär ungesättigten C-Ketten (Mandelöl, Avocadoöl, Arganöl, Sesamöl, Reiskeimöl usw., ab C 16:1/C 18:1, C 18:2, C18:3).

Quellen

  1. Dr. U. Zeidler, Über das Spreiten von Lipiden auf der Haut. Fette, Seifen, Anstrichmittel Nr. 10/1985, S. 403–408
  2. Dr. Achim Ansmann: Systematik und Einsatz kosmetischer Grundstoffe. E mollients. Seminarunterlagen der Firma Cognis (heute BASF), persönlich zur Verfügung gestellt.
  3. Dr. Achim Ansmann, persönliche Informationen.
  4. Heike Käser: Naturkosmetik selber machen. Das Handbuch. Linz: Freya, 2012
  5. Christina Ballmann: Entwicklung und Charakterisierung halbfester Zubereitungen auf der Basis von Triglyceriden. Dissertation. Kiel, 2006
  6. Prof. Dr. Gerd Kutz: Formulierungskonzepte für Emulsionen – ausgewählte Beispiele. Seminarmaterial. Detmold, 2007
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